Dass ich als Weiße in Ghana auffallen würde, war mir bereits vorher klar. Doch von dem eigentlichen Ausmaß dessen war ich mir nicht bewusst. Als am Samstag zum ersten Mal Fotos von mir gemacht wurden und mich sogar der 40-jährige Schneider nach meiner Nummer fragte, wurden meine Grenzen überschritten. Ich habe also mit dem Koordinator Torben gesprochen und das einzige, was effektiv hilft, ist verlobt oder verheiratet zu sein. Ich werde mir also einen Ring holen, der dann hoffentlich abschreckt und habe auch mein Hintergrundbild zu einem Foto eines Jungens geändert. Wenn jemand meine Nummer haben will, sieht er also direkt, dass ich „vergeben“ bin. Leider hatte ich den Ring noch nicht am Sonntag, als wir in die örtliche Bar gegangen sind. Ich wurde also als Obroni von allen Seiten angetanzt. Hier ist auch ein sehr enger Körperkontakt üblich, weshalb ich mir so schnell wie möglich meinen Spot zwischen einem Regal und Bierkisten gesucht habe, wo mich keiner von hinten antanzen konnte.
Am Sonntag bin ich mit Julius in seine Kirche gegangen. Ein Gottesdienst dauert hier in der Regel bis zu drei Stunden. Zu Beginn wird viel getanzt und gesungen, aber hauptsächlich auf Twi, weshalb wir erst zum englischen Teil gekommen sind. Schon aus weiter Ferne hörte man den Pastor durch die Musikanlagen in der Kirche predigen, drinnen war es natürlich nochmal deutlich lauter. Die Kirche bestand aus einem mit Holz und Wellblech zusammengehämmerten Gebäude mit etwa zehn Ventilatoren, die von der Decke hingen. Trotzdem schwitzte der Pastor so stark während seiner wilden Gestikulationen, dass er sich mehrmals den Schweiß von der Stirn wischen musste. In einer Ecke saß ein etwa 12 Jahre alter Junge, der den gesamten Gottesdienst am Klavier begleitete.
Mein erster richtiger Ausflug ging anschließend zu einem kleinen Wasserfall in der Nähe des Dorfes Kwahu Tafo. Auf unserem Weg wurden Julius, Torben und ich von drei einheimischen Jungs begleitet, die sich in dem Wasser wuschen und uns anschließend mit auf ihre Farm nahmen und uns ihre Obstbäume zeigten. Darunter waren Kakaobäume und einer der Jungs schlug die Frucht auf und offenbarte uns das Fleisch, bestehend aus den weißen Kakaobohnen, die von einer schleimigen süßen Schicht umhüllt waren, die man ablutschen konnte. Anschließend werden die Bohnen dann geröstet, sodass die uns bekannten Kakaobohnen entstehen.
Dass mir früher oder später was geklaut wird oder ich etwas verliere, war mir bereits von Anfang an klar. Dass es allerdings nach weniger als zwei Wochen dazu kommen würde, hätte ich nicht gedacht. Am Montag bin ich mit dem Taxi zur Schule gefahren. Theoretisch auch eine Strecke, die man laufen kann, allerdings gibt es hier keinen festen Fußweg, man läuft also auf der Straße. Dass das in Ghana nicht ganz ungefährlich ist, kann sich wahrscheinlich jeder denken. Auch mit dem Taxi zu fahren ist anders. Hier ruft man sich kein Taxi, man hält eins am Straßenrand an und teilt es sich mit den Leuten, die bereits im Auto sitzen. Die Preise sind auch fest, sodass man pro Dorf einen Cedi zahlt. Am Montag bin ich also mit dem Taxi zur Schule. Erst etwa fünf Minuten später ist mir aufgefallen, dass mein Handy nicht da war. Michael und Rose haben für mich dann in unserem Freiwilligenhaus angerufen, aber auch hier war mein Handy nicht. Ab dem Moment war mir dann klar, dass ich es im Taxi vergessen haben muss. Über mein Apple ID konnten wir es dann glücklicherweise orten und haben mehrmals versucht mich anzurufen. Einige Minuten später klingelte es dann bei uns und die Mitfahrerin war am Telefon, die mein Handy gefunden hat. Ich hatte also Glück im Unglück, denn der Taxifahrer war so nett und hat mein Handy bei der Schule abgegeben. Das zeigt also nochmal, dass hier in Obomeng die Kriminalitätsrate sehr gering ist. Der Verkauf wäre sicherlich das Jahresgehalt mancher Ghanaei wert gewesen.
In der Schule ist in den letzen Tagen nichts neues passiert. Es stehen weiter fleißig Proben für die Graduation an und ich darf der sieben jährigen Agnes ein deutsches Gedicht und den Viertklässlern ein Lied auf deutsch beibringen, dass sie dann aufführen werden. Als Motivation verteile ich fleißig meine aus Deutschland mitgebrachten Süßigkeiten.
Den Schulalltag kann man sich nicht wie in Deutschland vorstellen. Bevor der Unterricht beginnt versammeln sich alle Schüler/innen und es werden neben der Hymne noch viele weitere Lieder wie „twinkle, winkle little star“ gesungen, bevor es dann in die Klassenräume geht. Richtig feste Unterrichtszeiten gibt es allerdings nicht. Meistens bin ich bei den ganz Kleinen (4-5 Jahre). Hier wird sowieso nicht unterrichtet, sondern viel eher gespielt. Heute musste ich allerdings zu den etwas Älteren, was mir aber überhaupt keinen Spaß gemacht hat. Hier in Ghana haben die Schüler nur Respekt vor den Lehrern, wenn sie mit Schlägen mit den Stock drohen. Für uns Deutsche ist es schwer vorstellbar, denn bei uns wurde die Strafe mit dem Stock bereits vor Jahren abgeschafft. Doch hier ist es üblich den Kindern einen Klaps auf den Hintern zu geben, damit sie gehorchen. Der Stock wird bei mir jedoch ganz sicher nicht zum Einsatz kommen, was die Kinder auch schnell herausgefunden haben. Trotz all meiner Bemühungen, sind die Schüler/innen schreiend durch den Raum gelaufen. Erst als die anderen Lehrer in den Raum gekommen sind, haben sie sich beruhigt. Sobald aber wieder nur ich im Raum war, ging’s wieder von vorne los. In Zukunft werde ich diese Klassen also vermeiden und mich mit den Kleinen oder den ganz Großen beschäftigen.
Morgen hole ich mein erstes Kleid ab, dass ich mir schneidern lasse. Am Sonntag soll ich es dann zur Kirche von Rose Mann Michael tragen, der Pastor in einer der vielen Kirchen ist. Zahlen tut man für ein Kleidungsstück zwischen 20 und 60 Cedi, also drei und zehn Euro.













Es ist schön die Berichte zu lesen
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