„I’ll never forget this“

Eine Frage, die ich immer bekommen habe, wenn ich mit anderen Leuten über meine Freiwilligenarbeit gesprochen habe, war, was ich eigentlich genau in Ghana mache und wie man sich meinen Alltag so vorstellen kann.

Die Schule beginnt hier um acht Uhr, allerdings kann ich mir meine Arbeitszeiten mehr oder weniger selbst aussuchen. Gegen neun treffe ich meistens ein und gehe erst einmal in alle Klassen und werde von allen Kindern laut mit „Auntie Ama“ begrüßt und verteile fleißig high fives und Umarmungen. Je nachdem, ob alle Lehrer gekommen sind oder nicht, suche ich mir selbst aus, wo ich gerne unterrichten möchte, denn hier gibt es pro Klasse nur einen einzigen Lehrer, der jeweils alle Fächer unterrichtet. Die Lehrerin aus der Nursery hat vor ein paar Wochen geheiratet und wird etwa sechs Monate nicht zur Schule kommen, weshalb ich seit ihrem Weggang jeden Tag bei den ein- bis zweijährigen bin. Morgens wird erst einmal gesungen und getanzt, bevor alle durchgefüttert und anschließend schlafen gelegt werden. Die Kinder, die aber nicht einschlafen wollen oder sich schlecht benehmen, werden mir dann auf den Rücken gebunden und ich laufe zehn Minuten draußen herum, sodass auch diese Kinder schlafen. Meistens beginnt dann schon das Füttern fürs Mittagessen, bevor alle einmal gewickelt werden und von ihren Eltern oder ihren Fahrern abgeholt werden. „Fahrer“ hört sich erst einmal luxuriöser an, als es wirklich ist, denn in ein Taxi werden bis zu elf Kinder gequetscht…von Anschnallgurten oder Sitzschalen ist nur zu träumen.

Die „Royal International School“, wie meine Schule so schön heißt, ist eine Privatschule im Zentrum von Mpraeso. Mit den gesammelten Spendengeldern habe ich bereits geholfen einen Klassenraum mit neuen Tischen, Stühlen und einer Tafel auszustatten. Während meiner Zeit in der Nursery ist mir allerdings aufgefallen, dass das Dach nicht dicht ist, sodass der Regen an vielen stellen durch die Decke tropft und auf die Kinder fällt, weshalb ich auch hier meine Schule finanziell unterstützt habe.

Generell spielt die Kirche eine ganz andere Rolle als bei uns in Deutschland. Jeder, und ich meine wirklich JEDER, ist gläubig. Dass jemand nicht religiös ist, ist mir noch nicht untergekommen. Dementsprechend findet man religiöse Bezüge so ziemlich überall. Beispielsweise heißt der Frisör dann „God Loves You Hair Salon“ oder der Laden an der Straße „Jesus is Great Shop“. Aber auch in alltäglichen Diskussionen wird gerne mal eine Bibelstelle zur Begründung hinzugezogen. 

Was mir allerdings auch extrem aufgefallen ist, ist der Aberglaube der Ghanaer. Alle Babys tragen an den Händen, den Füßen und um den Bauch Ketten, damit die Arme schön, die Beine gerade, die Taille schmal und die Hüfte breit wird. Hat man dann beispielsweise X-Beine liegt es daran, dass die Mutter dem Kind keine Kettchen umgebunden hat. Oder wenn das Baby seine Füße in den Mund nimmt, wird es bald anfangen zu laufen. Für alles scheint es eine Erklärung zu geben…

In dem Haus, in dem wir wohnen, leben noch weitere einheimische Familien. Unter anderem der vierzehnjährige Prince, dessen Geburtstag wir vor circa einem Monat gefeiert haben. Mit verbundenen Augen kam das Geburtstagskind herein und während alle Happy Birthday sangen, wurde seine Augenbinde abgenommen. Hier in Ghana können sich eine richtige Geburtstagsfeier nur die Familien mit viel Geld leisten, für alle anderen ist dieser Tag wie jeder andere. Auch für Prince war es der allererste gefeierte Geburtstag, sodass seine Augen ganz groß wurden und sich langsam mit Tränen füllten, als er den gedeckten Tisch mit Kuchen, Keksen, Getränken und Geschenken sah. Weil er herausgefunden hat, dass ich das Ganze organisiert habe, hat er mich später zur Seite genommen, mich umarmt und leise geflüstert „Thank you very much. I’ll never forget this.“

2 Kommentare zu „„I’ll never forget this“

  1. Hallo Lotta. Es ist so interessant deine Berichte zu lesen, und es freut mir dass du so viel erlebst.. Geniss die letzten Paar Monate. Wir freuen uns dich wieder zu sehen.. Viele grüsse und Gedanken. Karsten

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  2. Liebe Lotta, mit Interesse und Freude lesen wir deine Berichte. Interesse, weil wir durch dich vieles über die Lebensumstände in Ghana erfahren. Mit Freude, weil wir deinen Beschreibungen entnehmen können, wie sehr du das alles erlebst. Wir wünschen dir noch eine weitere schöne Zeit voller guter Erlebnisse. Liebe Grüße Opa und natürlich OMO

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